Dienstag, 18. Februar 2014

Gibt es Vergebung? Andreas Neeser, Zwischen zwei Wassern


Andreas Neeser hat mich vor einigen Jahren schon mit seinen Erzählungen Unsicherer Grund beeindruckt. Nun ist sein neuer Roman erschienen und es ist eine grandiose Abhandlung über Schuld und Vergebung. Ja, gibt es sie wirklich, die Vergebung. Oder hängt alles an dem seidenen Faden, von dem man nie in seinem Leben weiß, wann er reißt? Ob er überhaupt reißt? Können wir überhaupt handeln oder ist es alles irgendwo, irgendwie vorher bestimmt? Fragen, die bei Neeser mitschwingen, zum Glück versucht Neeser nicht auf Teufel komm raus eine Antwort.
Das ist gut so, jeder von uns muß seine Antwort selbst geben!
Dank an den Haymon Verlag für das ebook.


Das Finistère, diese faszinierende, düstere, raue Landschaft am Meer in der Bretagne, tief im Westen ist Schauplatz einer Tragödie.
Vero, die Freundin des Erzählers wird von einer riesigen Welle während eines Sonnenbades am Meer in das selbige gezogen und ertrinkt. Er stellt sich ein später noch einmal dieser Situation, als er den Ort des Geschehnisses aufsucht.
Aber was erwartet er vor Ort? Vergebung, weil er nicht hinterher gesprungen ist und einen Rettungsversuch gestartet hat? Nein, das kann es nicht sein, versichern ihm doch die Einheimischen, dass bei dem kalten Wasser auch seine Überlebenschance nur gering gewesen wäre.
Erklärungen, Erinnerungen? Er weiß es letztendlich nicht. Etwas zieht ihn zu dieser Landschaft. Auch die Menschen und bretonischen Typen spielen sicherlich eine Rolle.
Und so stellt Andreas Neeser in diesem schmalen Stück Literatur viele Fragen. Und dem Leser wird schnell bewusst, das wären die Fragen, die er eventuell auch stellen würde. So ist es jedenfalls mir gegangen. Wie geht man mit Katastrophen um? Reicht die rationale Erklärung für sich, du bist nicht dafür verantwortlich? Auch wenn es objektiv so ist? Oder fängt irgendwann das Unterbewusstsein an, immer wieder die Situation abzuspielen und nach alternativen Verläufen zu suchen.
Bestimmt, nur wofür und wohin soll es führen? Der schicksalhafte Verlauf war da und ist nicht mehr zu ändern. Zwischen diesen Spannungspunkten verläuft dieser Roman.
Andreas Neeser schildert das eindringlich, nicht weinerlich. Wäre man bei der Betrachtung eines Gemäldes, so würde man von „kräftigen Strichen“ sprechen.
Landschaft, Leben dort mit und gegen die Natur sind Mittel zur Verdeutlichung. Der Leser spürt das Salz in der Luft und den kräftigen Wind, den sturmgepeitschten Himmel. Und dazwischen dieser schuldbeladene Mann. Klein, verletzlich. Und schuldhaft? Davon geht er jedenfalls aus. Aber muss er davon ausgehen? Sind da nicht Faktoren, die ihn von Schuld freisprechen? Ist er gar ohne Schuld?
Aus diesen Polen bezieht der Roman seine Spannung! Spannung im Sinne der Fragen nach Verantwortung, Handeln und ggfls. der Möglichkeit anders zu handeln. Aber der andere Handlungsstrang ist ja weg; weg innerhalb eines kurzen Augenblicks. Alles zerstört! Zurück bleibt eine weitere Zerstörung, die innerliche Zerstörung mit der der Erzähler leben muss.
Grandios hat Andreas Neeser das erzählt. Es ist eigentlich ein profanes Thema. Tausende Menschen sind tagtäglich damit konfrontiert. Der Autofahrer, der einen kleinen Augenblick nicht aufpasst und einen schrecklichen Unfall verursacht, der Mensch an einer Maschine, der durch falsche Bedienung seinen Kollegen in Gefahr bringt; Beispiele kann man viele bilden.
Und alle stellen sich dann, genau wie Andreas Neeser in seinem Buch, die immer gleichlautenden Fragen.
Und keiner kann ihnen darauf eine Antwort geben. Und so gibt auch Andreas Neeser keine, so zumindest habe ich es empfunden.
Er schreibt darüber und er schreibt stark, eindrücklich und betroffen. Ein beeindruckender Roman!

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