Sonntag, 23. Oktober 2011

Zu entdecken- der Schriftsteller und Lyriker Jürgen Theobaldy

Auf Jürgen Theobaldys Roman Sonntags Kino bin ich aufmerksam geworden durch eine Rubrik in der online-Ausgabe Der Zeit. Diese Rubrik beschäftigt sich mit "vergessenen" Büchern und ihrer Qualität.

Jürgen Theobaldy wurde 1944 geboren, studierte Literaturwissenschaften, zuvor Lehramt für die Grundschule und lebt seit 1984 in der Schweiz,  nach meinen Informationen ist dort auch als Parlamentsschreiber tätig. Neben Lyrik veröffentlichte er auch mehrere Prosabände, einer davon ist Sonntags Kino. Ein weiterer Roman trägt den Namen Spanische Wände und liegt auch schon bereit.

Sonntags Kino beschäftigt sich mit dem Aufwachsen in der Bundesrepublik in den 60er Jahren. Theobaldys Helden sind Jugendliche in der Ausbildung zwischen Aufbegehren und der Tristesse der Städte, vor allem an den Sonntagnachmittagen. Es sind die kleinen Fluchten ins Kino, die ersten Fummeleien und mehr mit Mädchen, tapsig und unbeholfen und das anschließende Prahlen damit vor den Kumpels, die Theobaldy liebevoll und unvoyeuristisch schildert. Es sind die "einfachen" Charaktere, die diesen Roman tragen und sehr authentisch wirken lassen. Man kann den Eindruck gewinnen, und es paßt ja auch, Theobaldy wurde 1944 geboren, als ob er diese Geschichten selbst erlebt hat. Dann kommen aber auch die ernsten Momente, wenn ein Kumpel bei der Probefahrt, er arbeitet als Lehrling an einer Tankstelle, mit dem Porsche des Kunden bei der Probefahrt verunglückt. Dann ist der Roman ernst und traurig und der Leser spürt die Unsicherheit der Jungen. Die brutale Frage nach der eigenen Existenz kommt auf, plötzlich kommt auch der Tod in das Leben der Jugend. Theobaldy läßt es am Ende offen, ob der Junge stirbt, ob er gelähmt bleibt. Genauso, wie seine Charaktere es nicht wissen, wohin sie ihr Leben führt, bleibt der Leser darüber im Unklaren. Und da ist auch fast folgerichtig, daß das Buch tragischkomisch endet. Riko, einer der Jungen, will, egal wie, nach Paris, einmal von den Hügel von Sacré-Coeur über die Dächer von Paris schauen, koste es was wolle. Der Job im Büro ist ihmgleichgültig, nur einmal dieses Gefühl haben. Die Reise endet am Bahnhof mitten in der Nacht. Der Zug nach Paris fährt erst am Morgen und da er keine Fahrkarte hat, endet sei Ausbrechen im Gewahrsam der Polizei, nachdem er noch eine Ohrfeige bekam. Jedenfalls kann er am anderen Tag etwas den Kumpels erzählen!

Jürgen Theobaldy ist mit diesem Roman, der 1978 erschienen ist, ein  detaillreiches Porträt Deutschlands in den 60er Jahren gelungen. Die Charaktere sind stimmig und glaubwürdig, sie passen! Ab und an erinnerte mich der Roman an Lieder von Franz-Josef Degenhardt, der ja auch häufig den Mief Deutschlands in seinen Liedern darstellte.

Ein zu Unrecht vergessener Roman!

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