Sonntag, 15. Januar 2017

Ferdinand Bordewijk, Charakter

Es ist erkennbar, ein gewisser Hang zur Literatur unseres kleinen Nachbarlandes, den Niederlanden, besteht. Dieser umfasst zunächst einmal den Bereich der jüngeren, neueren Literatur.
Umso erfreuter war ich, als mir dieses Buch in die Hände fiel.
Ferdinand Bordewijk gehört, so die wikipedia, mit seinem Werk zur sogenannten "neuen Sachlichkeit" und gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der modernen niederländischen Literatur. Soweit feststellbar, sind nur wenige Bücher ins Deutsche übersetzt worden. "Charakter" liegt in einer Übersetzung von Marlene Müller-Haas im dtv Verlag vor.
Ein gar seltsames, aber auch mitreissendes Buch. Eine Geschichte von Vater und Sohn, zeitlich angelegt im Rotterdam der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts.
Eine Geschichte von Elend, Auflehnung und gesellschaftlichen Schranken. Erzählt wird die Geschichte des Jacob Katadreuffe, eines uneheliche geborenen Jungen. Er wächst, bei seiner Mutter lebenden, die sich immer weigerte den Erzeuger des Jungen zu heiraten, in Not und täglichen Kampf auf. Sein Vater ist der mächtige Gerichtsvollzieher A. B. Dreverhaven. Ein Vater, der ihn täglich bis ins Erwachsenenalter verfolgt, drangsaliert. So hat es immer den Eindruck. Katadreuffe, nach einigen Wirrungen in einem Rechtsanwaltsbüro gelandet, studiert Jura und schafft es, sich aus den Fesseln seines Vaters zu befreien.
Eigentlich eine rührselige, vielleicht auch platte Geschichte, so könnte man meinen. Könnte man. Ist sie aber nicht. Es herrscht eine eigentümliche, berührende Atmosphäre. Zugegeben, ich schwankte zwischen Mitleid und Ablehnung, was die Charaktere angeht. Ja, Dreverhaven ist ein Drecksack, korrupt und eiskalt. Muß er auch sein im Job eines Gerichtsvollziehers. Andererseits ist ist er auch seltsam undurchschaubar im Verhältnis zu seinem Sohn. Bemüht, hinterhältig völlig ambivalent.
Und Katadreuffe? Er schafft es aus den einfachen Verhältnissen an die Spitze der Kanzlei. Also auch ein bisschen der Traum vom besseren Leben.
Und so bleibt die Erinnerung an ein besonders  Buch. Gerade auch, wenn man die sprachliche Seite betrachtet. Schlicht, sachlich, aufgeräumt, so könnte man sie  bezeichnen. Gerade das macht den Reiz dieses "Klassikers" aus. Trotz der Thematik, auch heute noch absolut lesenswert und sicherlich dann, wenn man sich mit niederländischer Literatur beschäftigen will.

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