Mittwoch, 13. Juni 2012

Lothar Baier, Jahresfrist

Bei "Jahresfrist" handelt es sich um die einzige literarische Arbeit des Essayisten und Journalisten Lothar Baier. Sicherlich wird sich nun der eine oder andere die Frage stellen: Wer ist Lothar Baier? Hier: Lothar Baier findet der interessierte Leser weitere Informationen zu diesem, so scheint mir, relativ vergessenen Autor.
Das Vergessen erscheint allerdings auch zu Unrecht, ist doch diese Erzählung Jahresfrist ein literarisches Kleinod.
Ein Mann, ohne Namen, vielleicht Baier selbst (?) zieht sich zurück nach Südfrankreich, kauft dort ein baufälliges Haus und versucht dieses zu restaurieren , wiederaufzubauen. Allein auf sich gestellt, kein Handwerker, eher ein schreibender, lesender Intellektueller, läuft er Gefahr in einer zunächst lebensfeindlich scheinenden Umgebung an seiner selbstgestellten Aufgabe zu scheitern. Zu widrig sind vordergründig die Aufgaben, die vor ihm liegen. Aber ist das eigentlich der Kern der Erzählung? Ja und nein ist man geneigt zu sagen. Er liebt diese Herausforderung, gleichzeitig immer an seinem Limit mit der Gefahr zu scheitern. Und der Erzähler wäre nicht derjenige, der ist, käme nicht ein Bezug zu einer historischen Person  auf, die ihn immer wieder zurückbringt. Bei dieser historischen Person handelt es sich um Paul Nizan (hier weitere Informationen: Paul Nizan). Der namenlose Erzähler findet immer Parallelen zwischen seinem Leben und dem Leben Nizans. Natürlich ist schon längst klar, daß Baier selbst dieser Erzähler ist. Ein Mensch getrieben von der Suche nach Wahrheit und sich selbst. Beeindruckend der Versuch durch die Arbeit an dem Haus in absoluter Einsamkeit auf sich selbst geworfen, Sinn, Unsinn und Aussicht in seinem Leben zu finden. Worin liegt das alles? Niemanden sehen, mit niemandem kommunizieren. Einklang (?) mit der Natur. Und dennoch merkt er schnell, ganz ohne geht es nicht. Die Dorfbewohner lassen wissen, daß allzu viel Abgeschiedenheit Ursache von Gerede und  Gerüchten sein kann. Zaghafte Kontakte entstehen. Und so arbeitet dieser Einsiedler vor sich hin, getrieben von einer Suche von der er selbst nicht weiß, wohin sie ihn führen wird. Schlussendlich geht fast in einem fast biblischen Unwetter sein Haus und seine Existenz unter. Baier beschreibt diese Szene fast schon als Katharsis. Danach bleibt, schon zwangsläufig, nur noch die Abkehr von diesem Haus, diesem Ort und Rückkehr in sein anderes Leben.
1985 hat Baier diese Erzählung veröffentlicht. 2004 hat er sich das Leben genommen. Allein diese Erzählung zeigt, daß es sich bei ihm um einen großen im Literaturzirkel gehandelt hat.
Selten habe ich eine so eindrückliche, direkte Sprache gelesen. Die Landschaft, die Baier beschreibt, lebt! Die Verzweiflung an sich selbst, an seiner Umgebung, seiner Situation nimmt man dem Erzähler ab. Was will der Leser einer solchen Erzählung eigentlich noch weiter erwarten. Mir bleibt nur das Bedauern, daß es sich bei Jahresfrist um die einzige Prosaarbeit handelt. Gerne hätte ich insofern mehr von Lothar Baier gelesen.
Die große Ketzerei, als Sachtext, steht schon im Regal.
Und ein weiteres hat diese Erzählung verursacht: Interesse an der Person Paul Nizan und seinem Werk!

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