Samstag, 18. Mai 2013

Verbesserungswürdig!--der 3te Gasperlmaier, Letzte Bootsfahrt--Herbert Dutzler

Gasperlmaier zum dritten; leider mißlungen, nicht in gänze, dafür ist der Charakter nicht nur von Gasperlmaier, dann doch zu gut gezeichnet. Aber, Dutzler hat sich mit dieser Geschichte etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Mir kommt es vor, zumindest an einigen Stellen, daß ein gewisser Druck da war, eine weitere Geschichte um Gasperlmaier vorzulegen. 
Aber das ist doch gar nicht erforderlich, Dutzler hat das Potenzial zum erzählen, wie auch der Gasperlmaier noch als Type ausbaufähig ist. 
Hier ist es leider in weiten Teilen schief gegangen, hoffen wir auf den nächsten Band!
Danke an den Haymon Verlag für das Reziexemplar; hier die Rezension!





 Da ist er, der dritte Krimi mit dem Polizeiinspektor Gasperlmaier aus dem beschaulichen, eigentlich sehr ruhigem Ausseegebiet. Bilderbuchidylle, gutes Essen und hohe Berg sind die Dinge, die das Leben der Einwohner, und auch das Leben von Gasperlmaier, bestimmen.
Also schön und ruhig, wenn da nur nicht immer die Morde wären. Auch dieses Mal findet man Leichen, Gasperlmaier und sein Vorgesetzter Kahlaß, zunächst nur ein Mann, vor der Toilettenschlüssel in seiner Wohnung, in sehr demütigender Stellung. Schnell erscheint dann noch Frau Dr. Kohlross und das Team ist für die Aufklärung des Mordes wieder beisammen. Es bleibt nicht bei diesem einen Mord und schnell ist klar, dass hier ein „Serien“täter am Werke ist. Schnell ist auch klar, dass die Spur in die Vergangenheit führt. Und zum großen Leid von Gasperlmaier scheint auch seine Mutter involviert zu sein. Am Ende zum Glück nicht und über Irrungen und Wirrungen führt die fundierte Arbeit der Combo zur Aufklärung.Also eigentlich eine Kombination von Charakteren, die einiges erwarten lässt.

Leider aber ist die Story in diesem dritten Fall dünn! So dünn, dass man den Eindruck hat, dass nicht der Krimiplot die Hauptrolle spielt, sondern das Leben von Gasperlmaier, allerlei drumherum.
Das trägt allerdings nicht , dass muss so gesagt werden. Die Geschichten um ihn und seine Familie sind schon amüsant, aber auch sehr anstrengend auf die Dauer des Romans gesehen. Und so bleibt der Krimi dann auch sehr unentschieden in  seiner Konstruktion. Gut, die lustigen, teilweise abgedrehten Situationen bei der Ermittlungsarbeit sind auch wieder in diesem Gasperlmaier vorhanden. Sie sind auch gut gesetzt und eingebaut, sie treffen, aber auch nicht immer. Irgendwie strengt es an, leider auch langweilig an der ein oder anderen Stelle.
Genau das ist der Punkt, Dutzler hat die Tragfähigkeit seiner Geschichte, insbesondere der Krimigeschichte überschätzt. Der Plot um die Morde lässt zu viele Wünsche übrig. Die Konstruktion ist, leider, sehr simpel und vorhersehbar. Die Geschichte ist so schon in vielen anderen Krimis erzählt worden. Ein Ereignis aus der Vergangenheit wirkt fort in die Gegenwart und lässt dort eine Person zum Mörder werden. Das kann gut erzählt werden und Dutzler macht auch nicht alles falsch, aber wie gesagt, die Tragfähigkeit fehlt.
Und so verfolgt der Leser die tollpatschigen Wege von Gasperlmaier. Lacht an der einen oder  anderen Stelle. Erwartet aber auch mehr von einem Krimi. Ich drücke die Daumen, dass Dutzler noch einige gute Ideen hat. Denn die persönliche Ebene zwischen Gaspermaier und Frau Dr. Kohlross lässt noch etwas erahnen. Nur dann bitte mit einer besseren Krimigeschichte!

Donnerstag, 4. April 2013

Zu André Pilz--Die Lieder, das Töten.

Der Roman von André Pilz ist für den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis nominiert worden. Und zwar in Sparte "Bester deutschsprachiger Roman".
Nun, der Roman kann durchaus auch als sciencefiction gelesen werden. Ganz so falsch liegen die Juroren nicht.
Andererseits, ob er so genau in dieses Genre paßt, erscheint mir zumindest fraglich.
Egal wie, für André Pilz bedeutet dieses durchaus eine Wertschätzung seines Werkes.

Hier der link zur Seite: Kurd-Laßwitz-Preis

Was mich gefreut hat, ist die Tatsache, daß meine Rezension dort verlinkt ist; liest ja doch ab und an einmal jemand hier!

Die Kunst des Müßiggangs! Johannes Gelich--Wir sind die Lebenden!


Ja, in der letzten Zeit ist hier eine gewisse Schreibfaulheit eingetreten. Um dem etwas entgegen zu wirken, hier eine Rezension zu einem Buch, welches ich schon vor längerer Zeit laß. Wie immer zeitgleiche Veröffentlichung auf amazon und herzlichen Dank an den Haymon Verlag für das ebook!


Nepomuk Lakoter, ja so heißt er, man kann aber nicht sagen, Held dieses Romans, eher Anti-Held von Johannes Gelich. In Wien, lebt, eher vegetiert, Nepomuk zu Beginn des Romans zunächst dahin. Gehandicapt durch eine Verletzung am Bein kann er, so seine Meinung, nicht laufen, sich nicht richtig bewegen. Umsorgt von seiner rumänischen Haushälterin gibt er sich dem täglichen Trübsinn hin. Ach ist die Welt doch schlecht, in erster Linie muß er sich gegen einen mögliche radioaktiven fall-out schützen. Und schimpfen, schimpfen über Gott und die Welt. Wäre da nicht der tägliche Joint, wie miserabel sähe das Leben doch aus. Hinzu kommt noch seine Schwester. Diese sorgt sich um das gemeinsame Mietshaus, ihr Erbe. Nepomuk läßt es, man könnte sagen, konsequenterweise, vergammeln, was naturgemäß den Mieter nicht paßt. Ach, auch darum muß sich unser genervter, vom Leben gebeutelter Nepomuk alles kümmern.
Und dann der größte Einschnitt, seine Haushälterin muß für längere Zeit in ihre Heimat Rumänien. Auch das noch!
Aber, Rettung ist in Sicht. Einen Ersatz schickt seine Haushälterin. Und gar keinen schlechten. Eigentlich sogar ganz attraktiv. Selbst ihre leichte Gesichtslähmung macht sie nur noch interessanter. Überhaupt diese Frau...
Der Leser merkt schnell, daß sich hier mehr entwickelt. Und Nepomuk verläßt so langsam, ganz langsam seine scheinbare Isolation.
Generation 40, das ist der erste Gedanke, der dem Leser kommt, wenn er dieses Buch anliest. Aber auch eigentlich alles schon einmal gelesen, vielleicht auch erlebt. Und irgendwie langweilig, schon häufig gelesen, gehört. Und damit könnte man dieses Buch auch gleich abhaken, wenn nicht an irgendeiner Stelle ein Wechsel eintreten würde. Ein Wechsel weg von der wienerischen Melancholie hin zum Optimismus der Liebe. Auch Nepomuk kann seine Melancholie nicht durchhalten, will er wahrscheinlich auch nicht. Er will sein Gefängnis verlassen. Aber mit entsprechendem pompösen Auftritt, seine Person soll im Mittelpunkt stehen.
Klar, die Botschaft ist auch einfach, die Liebe heilt eigentlich alles. Aber bei Johannes Gelich paßt das. Dem Roman nimmt der Leser die Wendung ab. Und so erlebt der Leser schon ein happy-end. Nicht kitschig, sondern versöhnlich mit der Welt. Warum eigentlich nicht!
Johannes Gelich ist mit „Wir sind die Lebenden“ ein leichter Roman über den Wandel gelungen. Der Wandel vom Müßiggang mit dem Motto, alle sind gegen mich, hin zum Leben mit und für andere. Kleine Schwächen hat er nur zu Anfang an einigen Stellen, die etwas zu plakativ geraten sind.

Sonntag, 27. Januar 2013

Fernab und doch so nahe! -Maria Matios

Vielen Dank an dieser Stelle nochmals dem Haymon Verlag für die Zusendung der ebooks.
Maria Matios ist ein Entdeckung fernab vom üblichen Literaturzirkus. Das Buch nimmt den Leser mit in eine andere Welt und dennoch nicht weit weg, schaut man einmal auf die Karte. Auch ein Stück Literatur aus und für Europa.

Maria Matios ist eine ukrainische Schriftstellerin, die im deutschsprachigem Literaturbetrieb relativ unbekannt sein dürfte. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, legt doch der Haymon Verlag nun erst eine Übersetzung ihres preisgekrönten Buches vor.
Man möchte sagen, zum Glück, denn das Buch „Darina, die Süße“ ist ein interessantes Stück Literatur aus einer Gegend, die wohl nicht jedem geläufig sein dürfte. Ort des Romans ist die Bukowina, jene historische Landschaft zwischen der Ukraine im Norden und Rumänien im Süden. Maria Matios kommt aus dieser Gegend, eine Gegend mit knorrigen, ursprünglichen, mit ihrem Land verwachsenen Menschen. Und diese Menschen sind der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Die stumme Darina, im ersten Teil des Buches dem Leser vorgestellt, lebt in einem kleinen Dorf. Sie spricht nicht und wird daher als geistig zurückgeblieben von den Dorfbewohnern eingeschätzt. Keiner weiß, warum sie nicht spricht. Das wird aufgelöst im zweiten Teil des Romans, der zugleich zurückspringt in die Vergangenheit. Auch in eine Vergangenheit, die vor der Geburt Darinas liegt. Der Leser erfährt sehr schnell, daß dann Darina in eine Zeit des Umbruchs hinein geboren wird.  Als kleines Mädchen lebt sie dann  Ende der 1930er/Anfang 1940 Jahre. Eine Zeit, in der nicht nur die Bukowina  einen Umbruch erlebt. Verschiedene Besatzungsmächte muß der Landstrich über sich ergehen lassen. Und dazwischen die kleine Familie, zerrissen in den historischen Umwälzungen der damaligen Zeit, so schlimm, daß sich Darinas Mutter das Leben nimmt.
Zunächst habe ich mir die Frage gestellt, was soll das alles, nicht schon wieder ein Roman/ ein Buch über die Geschichte weit entfernter Völker und Landstriche, zerrieben im Lauf der Jahrhunderte. Aber schnell wurde mir auch klar, daß hier die Geschichte anders erzählt wurde. Nicht anklagend, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Nein, ich hatte den Eindruck, daß das der Autorin fern liegt.  Maria Matios ist nicht von ungefähr die bekannteste Schriftstellerin der Ukraine.  Ihr Stil ist unaufgeregt und eindringlich. So stellt sie die Vergangenheit der Bukowina, auch ihre Heimat, dar. Die Zeichnung der Charaktere ist gelungen. Die Bevölkerung, in der Mehrzahl Bauern und Landarbeiter, werden nicht vorgeführt. Nein, liebevoll ist die Beschreibung der Menschen. Maria Matios entwickelt einen sehr eigenen Stil. Und sie arbeitet kritisch auf. Keine Ideologie kommt gut weg. Warum auch, litten die Menschen doch auch gerade in der Bukowina unter den verschiedenen Herrschaftsformen. Aber dennoch haben sie ihren Stolz und ihre Heimatverbundenheit nie verloren. Und dieser Roman von Maria Matios bewahrt die Erinnerung an sie!

Sonntag, 6. Januar 2013

Moritz Rinke--Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel; gelungene Geschichte

Es ist ein witziges Buch, ja das ist es in der Tat. Warum muss man das so betonen? Nun, Moritz Rinke beweist mit seinem Buch, dass eine Form von Vergangenheitsbewältigung auch humorvoll geht.
Paul Wendland ist gebürtig in Worpswede, diesem fast schon sagenumwobenen Künstlerdorf in der Nähe von Bremen. Heute lebt er in Berlin und versucht sich dort, eigentlich erfolglos, als Galerist. Sein momentaner Künstler ist ein blinder Maler. Schon verständlich, dass ihm die kunstbeflissene Berliner Szene nicht unbedingt die Tür seiner Galerie einrennt! Und noch dazu seine Mutter, esoterisch bewegt lebt sie in Spanien und schickt ihm, per Post, immer ökologisch, biologischen Salat. Aber dann droht Ungemach. Das Haus der Familie in Worpswede droht im Moor zu verschwinden.
Worpswede, auch Geburtsort von Moritz Rinke, dieser Ort voller Kultur und Anekdoten, schräger Bewohner und intellektueller Sehnsucht. Dorthin muss Paul reisen, um das Familienerbe zu retten. Das Familienerbe, das nicht nur aus einem Haus besteht, sondern auch aus der Sammlung von Bronzeplastiken des  verstorbenen Großvaters. Und dieser ist gerade auch noch, posthum,  „Künstler des Jahres“ geworden. Nun stehen also im Garten des Hauses zahlreiche Plastiken so illustrer Persönlichkeiten wie Willy Brandt herum. Aber das Moor verschlingt nicht nur, sondern gibt auch Dinge frei, auch solche, die nicht unbedingt wieder an das Tageslicht kommen sollten. Und schnell stellt sich heraus, dass der Großvater während des 3. Reichs auch verherrlichende Plastiken von örtlichen Nazigrößen angefertigt hat und diese später dann im Garten vergraben wurden und im Verlauf der Renovierungsarbeiten das Tageslicht erneut erblickten. Wohin nun damit? Das passt doch nicht zum „Künstler des Jahres“! Also entsorgen, soweit möglich.
Man kann sich an dieser Stelle denken, dass alles irgendwann zusammenbricht.
Moritz Rinke ist ein Roman gelungen, der sich hervorhebt durch schräge, ungewöhnliche Charaktere und durch einen Witz, der nicht plakativ und plump wird. Angesichts der Thematik konnte sich  Moritz Rinke das auch nicht erlauben. Denn wenn ein Schriftsteller mit der Nazivergangenheit umgeht und das noch auf humorvolle Art, wenn das überhaupt möglich ist, dann müssen die Witze stimmen. Und hier stimmt es. Seltsame Charaktere, absurde Situationen runden das Bild ab. Der Roman ist damit aber auch ein Sittenbild des Ortes Worpswede, dadurch, dass er sich ironisch-kritisch mit seiner NS-Vergangenheit auseinandersetzt.
Dieser Roman stand wochenlang in der „Spiegel“ Bestseller-liste ganz weit oben. Zurecht!
Nicht nur der Erfolg sei Moritz Rinke gegönnt, nein, ihm ist auch etwas gelungen, was in der deutschen Literatur relativ selten ist. Er hat ein Buch geschrieben, was durchaus als „Bewältigungs“literatur zu bezeichnen ist. Das allerdings nicht mit der oftmals vorhandenen „moralischen Keule“ sondern humorvoll! Der schmale Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Eulenspiegelei wird von ihm souverän beherrscht. So wünscht man sich öfter Bücher mit derartigem Inhalt. Geschichtsbewusstsein kann so besser geweckt und bewahrt werden, wie mit so manchem inhaltsschweren Geschichtswerk. Hier wird Aufarbeitung augenzwinkernd betrieben. Gut, dass auch solche Literatur gibt!

Dienstag, 1. Januar 2013

Jahresende

Etwas statistisches: Gelesen 56 Bücher mit insgesamt 16644 Seiten (wenn richtig gerechnet).

Highlights in diesem Jahr sicherlich der Erstlingsroman von Jan Christophersen, Schneetage. Schon zu Beginn des Jahres gelesen, ist mir dieses Buch gut bis jetzt in Erinnerung geblieben.

Eine Entdeckung als Schriftsteller: Martin Suter. Zukünftig werde ich noch weiteres von ihm lesen.

Überraschung: Jean-Marie Gustave Le Clezio, Nobelpreisträger können doch interessant sein. Giuseppe Tomasi Di Lampedusa, der große Italiener, eine andere Art der Literatur. Der Leopard steht ganz oben auf der Liste.
Michel Houllebecq, Karte und Gebiet, verblüffend wie poetische dieser Misantrop doch sein kann.

Hoher Standard und weiter zu entdecken: Paul Auster.

Enttäuschung:  Haruki Murakami, 1Q84, zuletzt das Buch 3 gelesen (1 + 2 Ende 2011). Irgendwie weinerlich, wenig überzeugende Geschichte.

Samstag, 24. November 2012

Herman Koch; Angerichtet, Zerstörung des Idylls

Wohl ein Bestseller, dieses Buch von Herman Koch. Dennoch mir nicht aufgefallen, bis zu einer Empfehlung!
Es treffen sich die Brüder Serge und Paul Lohmann nebst ihren Frauen in einem Nobelrestaurant zur Besprechung einer Situation in ihrem Leben, die alles verändern kann. Eigentlich muß man sagen: schon hat. Ihre Kinder, Rick und Michel, sind für den Tod einer obdachlosen Frau verantwortlich. Langsam entwickelt sich diese Situation für die Beteiligten. Paul, der beruflich entwurzelte Lehrer und auf der anderen Seite  Serge, Spitzenpolitiker, Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten. Im Restaurant und schon vor dem Treffen eine Atmosphäre von Argwohn und Mißtrauen. Wie Brüder nun mal (zumindest manchmal) mit einander umgehen. Besonders auffallend hier, daß diese Brüder so unterschiedlich sind.
Wie geht man mit dieser Schuld der 15 jährigen Jungen um?
Warum ist das überhaupt passiert?
So hart das auch klingen mag, warum befand sich das Opfer eigentlich am Ort des Geschehens? Das sind die Fragen, die sich speziell die Mutter von Michel stellt. Eine Mutter, die um alles in der Welt ihr Kind, ihren Sohn schützen will. Verständlich, aber auch soweitgehend?
Aber auch ein Buch, das auf geradezu erschreckende Art und Weise zeigt, wie Eltern und Kinder aneinander vorbei leben können! Es zeigt, wie schwierig das Verhältnis ist. Aber es zeigt auch im Verlauf, wie eine Fassade bröckelt. Gerade die bürgerliche Tristesse zerstört sich in diesem Roman selbst. Scheint diese Tat schon ansich ungeheuerlich, zeigt aber auch der Umgang damit, wie sehr sich auch die Generation der Eltern in einem Sumpf von Lügen und Vorurteilen befindet. Eigentlich ist alles Schein und unwirklich. Geht es noch um ein ehrliches Leben? Sind die Ansprüche an sich und das Leben noch vertretbar?
Ich weiß nicht, ob Herman Koch eine Antwort darauf gibt. Ist in diesem Roman auch letztendlich egal. Was nicht  egal ist, sind seine Bloßstellungen von Leben und Lebensplanungen. Alles hat seine Ursprünge und baut auf einander auf. Es müssen nur an den entscheidenen Stellen die Weichen richtig gestellt werden.
Nur wo sie sind, sagt uns Herman Koch nicht. Zum Glück. Das müssen wir selbst heraus finden!

Donnerstag, 27. September 2012

Hart, ehrlich, geradeaus--André Pilz, Die Lieder, das Töten

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Ja, glatte, nichtssagende Literatur gibt es zuhauf. André Pilz  ist jetzt nicht ein riesiges literarisches Werk gelungen. Das nicht, aber es ist mit wütender Feder geschrieben und grundehrlich. Starke Literatur, mit all ihren Schwächen. Nichts unbedingt  für die Liebhaber einer feinsinnigen, wortkünstlerischen Literatur. Zupackend und hart zu sich selbst und zum Leser. Ich nehme an, das André Pilz das so wollte. Das Stück Literatur ist ihm gelungen!

 Ein junger, wilder Schriftsteller ist dieser André Pilz. Rau, hart und teilweise in der Sprache obszön ist dieser Roman.
Irgendwo in Deutschland ist ein Atomkraftwerk explodiert, havariert, letztendlich egal. Die atomare Katastrophe ist geschehen. Und der tragische Held der Geschichte, Ambros, befindet sich dort draußen, mitten in der Sperrzone, wo scheinbar Chaos und Rechtlosigkeit herrscht. Er soll dort Strasser, den Anführer der Menschen, die noch in der Zone leben, finden und liquidieren. Nur langsam wird dem Leser klar, dass es sich bei Ambros um einen ehemaligen Elitepolizisten handelt, der auf Befehl der Mächtigen außerhalb handelt.
Aber was nach einem einfachen Einsatz aussieht, entpuppt sich schnell nach der Suche nach sich selbst. Denn Ambros ist ein Getriebener. Er hat seine Freundin in der atomaren Katastrophe verloren und damit die Liebe seines Lebens, den Sinn seines Lebens. Radioaktiv verseucht treibt er sich in der Zone herum. Scheinbar ziellos, planlos bis er auf eine Frau stößt. Geheimnisvoll und auch suchend. Alles erscheint den Figuren in diesem Buch sinnlos, zwecklos. Und so ist es auch geworden, dieses Leben. Schuld daran, wer weiß es schon? Kommt es in der Situation des GAU überhaupt noch darauf an?
André Pilz gibt direkt darauf keine Antwort. Zum Glück auch, denn angesichts der atomaren Katastrophe verschwinden diese Fragen. Das tägliche Überleben wird zum Lebensinhalt. Schaffung, soweit überhaupt noch möglich, von Strukturen. Alles und alle nur davon getrieben, den Augenblick, den nächsten Morgen zu erleben. In dieser Stimmung verschwinden dann auch die täglichen Malereien von schwarz und weiß. Wenn dann Pilz beschreibt, wie ein Staat als Gebilde versucht, ja verzweifelt, seine Souveränität zu bewahren, dann merkt der Leser schnell, dass die Grenzen verschwimmen. Ist es wirklich der Staat, der seine Bürger schützt? Er hat sie nicht vor dem GAU geschützt, in der letzten Konsequenz wendet er sich eigentlich nun auch gegen sie. Die staatliche Gewalt muss aufrecht erhalten werden. Und in diesem Augenblick stellt der Leser fest, dass die angeblichen Bösen nicht die sind, zu die sie der Staat machen will. Gut und böse lösen sich auf. Hoffnung besteht weder für die eine noch die andere Seite.
Und ich glaube, das will Pilz auch gar nicht. Wenn überhaupt etwas Hoffnung da ist, dann ist ein zartes Pflänzchen Liebe. Aber ob es bleibt?
Was bleibt ist ein wildes, raues, sprachlich teilweise unkorrektes Buch. Man liest die Wut, mit der André Pilz geschrieben unter dem Eindruck Katastrophe von Fukushima. Gut, dass er so geschrieben hat, glatte Literatur gibt es genug!

Samstag, 22. September 2012

Wolkenherz---wie ein klarer Morgen am Meer!

Auch ein Buch, das mir der Haymon Verlag als ebook zur Verfügung stellte. 
Nun, ich mag ja diese herbe Landschaft des Nordens, die Küsten, das Meer, die ständige Veränderung in der Landschaft, der Wind, der einen scheinbar bis auf die Knochen durchzupusten scheint. Da paßt so eine feine Erzählung wie die von Jochen Jung natürlich bestens. Aber nicht nur das macht sie so lesenswert, sondern auch diese feinsinnige, fast schon minimale Sprache! Absolut gelungen. Wie allerdings der Autor mit diesem Hang zum Meer in Salzburg lebt, ist mir schleierhaft! :-)


 Eine kleine, kurze, warmherzige Erzählung kommt mit Wolkenherz daher.
Bislang war mir Jochen Jung kein Begriff, was wieder einmal zeigt, wie sehr doch dieser Literaturzirkus von den großen Namen, den „big playern“ und den großen Verlagen mit den entsprechenden Werbestrategien und -etats beherrscht wird. Die kleine,vielleicht feinsinnige Literatur findet abseits statt. Wolkenherz ist so ein Stück Literatur.
Jochen Jung schreibt hier über einen jungen Mann, der von der Beerdigung seiner geliebten Mutter flüchtet; er mag keine Beerdigungen, wer mag die schon.
Seine Flucht führt ihn in ein kleines Dorf am Meer, dort lebte einstmals seine Mutter. Dort lernt er Johanna kennen, eine raue, liebenswürdige Frau, mir ihrem Hund Plato und der Mutter in einem windschiefen Haus am Meer wohnend. Dazu gehört noch das junge blonde Mädchen, ungefähr in seinem Alter, die Pflegerin der alten Dame. Jonathan, so der Name des jungen Mannes, atmet in dieser Landschaft am Meer auf. Er lebt auf zwischen allen seinen Gedanken und all seiner Trauer um den Verlust seiner Mutter. Die klare, reine Luft, die Weite der nordischen Landschaft, das alles läßt ihn neu blicken. Neu blicken auf sein Leben. Die Verwirrungen zwischen Jonathan und den Frauen, beschwingt erzählt dies Jochen Jung. Beschwingt, niemals peinlich oder altbackend.
Ja, die Geschichte zwischen Frau und Mann ist alt und läßt sich kaum noch neu erzählen, ebenso wenig wie es gelingen wird, das Rad neu zu erfinden, dennoch wird es in dieser Erzählung nicht langweilig. Passend und plastisch die Sprache, es erscheint so, als ob der Leser die salzige Luft des Meeres schmecken könnte. Das Heulen des Windes um die Häuser herum, wunderbar!
Ein einfache, fesselnde Sprache, gekonnt auf den Punkt gebracht. Der Leser merkt, daß Jung seine nordische Landschaft kennt, daß er sie mag. Und so entsteht ein gelungenes Stück Literatur. Für Menschen, aber nicht nur für sie, die die Küstenlandschaften des Nordens mögen und kleine Geschichten über die Liebe, das Leben und auch den Tod und die Vergänglichkeit.

Sonntag, 16. September 2012

Max Broll zum dritten--Verbesserungswürdig!

Nun sendet mir der Haymon Verlag, dem ich an dieser Stelle dafür auch einmal ausdrücklich danken möchte, die Rezensionsbücher per EMail als epub -Datei. Mit dem neuen reader sind sie dann flugs gelesen.
Anbei meine Rezension, veröffentlicht, wie  üblich auf amazon.
Ja, ein bisschen bin ich von dem neuen Krimi von Bernhard Aichner enttäuscht. Zu morbid, etwas zu effektheischerisch kommt er mir daher. Es muß nicht jede makabere Szene bis zum Ende ausgereizt werden, manchmal wäre weniger mehr und besser der Phantasie des Lesers überlassen.
In allem kein schlechter Krimi, aber ich hoffe auf zukünftige, bessere Fälle für Max Broll.



Max Broll, der Totengräber, erlebt in diesem neuen Krimi von Bernhard Aichner seinen dritten, na sagen wir einmal, Kriminalfall.
Das schon aus den ersten und dem zweiten Roman um Max Broll bekannte Personal taucht auch hier wieder auf.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht dieses Mal der Ex-Fußballprofi Baroni.
Die Geschichte ist einfach: Ausgeweidete Leichen tauchen bei Baroni auf, die dieser, so makaber es klingt, entsorgen soll. Baroni ist erpressbar, da er sein Fußballvermögen in der Zwischenzeit so ziemlich verzockt hat. Und er hat, natürlich über seinen Kumpel Broll entsprechende Möglichkeiten. Beim ersten Mal versüßen Baroni 20000,- € die Arbeit und die Leiche verschwindet im Grab der nächsten Beerdigung. Schon bald aber stellen Baroni und Broll fest, die Geschichte wird so einfach kein Ende haben und ihnen schwant, daß der Hintergrund der Leichen im Organhandel liegt. Also muß eine Lösung her, aber welche? Kurios und abgedreht machen sich also unsere Helden an die Arbeit, die Verbrechen aufzuklären.
Bernhard Aichner veröffentlicht hier einen Krimi, der erneut von seinen Charakteren und Stimmungen lebt. Dieses dehnt er aus bis zum Anschlag. Dabei bedient er sich immer häufiger doch einer sehr morbiden Art und Weise des Schreibens. Eigentlich ist ihm nichts mehr heilig.
Natürlich handelt es sich um einen Krimi, aber die Beschreibung so mancher Szene stößt doch an Grenzen. Und dabei hilft es auch sehr wenig, daß Humor dabei ist.
Nicht jeder Zweck heilig irgendwo die Mittel. Trotz aller morbiden, bemüht humorvollen, Schilderungen darin, will sich ein uneingeschränktes Lesevergnügen nicht vollständig einstellen. Nein, es sprang der Funke nicht über. Dabei kann Aichner stark schreiben. Besonders da, dies fiel mir schon bei den ersten beiden Broll-Krimis auf, wenn sich Broll und Baroni, sagen wir einmal, über den Sinn des Lebens unterhalten. Herrliche, wortkarge, auf den Punkt geschriebene Dialoge. Hintergründig bis platt, aber niemals langweilig.
So blieb bei mir ein zwiespältiger Eindruck dieses Krimis zurück. Gute Dialoge, gefestigte Charaktere, dem gegenüber, makabere Szenen, die sehr häufig schlicht in ihrer Schilderungen daneben gingen.
Was bleibt weiter, genug Ansätze in der Geschichte, die Fortsetzungen erwarten lassen, die dann hoffentlich stärker ausfallen werden. Denn eins ist sicher: Max Broll hat das Potenzial!

Sonntag, 9. September 2012

ebook reader

So, nun hat mich auch die digitale Büchertechnik erreicht. Zwei ebook reader stehen zum Vergleich bereit. Einmal der Kindle touch und zum anderen der trekstor 3.
Direkt vergleichbar sind beide Geräte nicht, sind doch die Preise (49,- € zu 129,-€) zu unterschiedlich. Und damit dann natürlich auch die Möglichkeiten, die die Geräte bieten.
Der Kindle ist eindeutig technisch besser. Die Lesbarkeit und die Akkulaufzeit sind nur zwei Bereiche, die angesprochen sein sollten. Und dennoch hat der trekstor seinen Charme. Fast alle Formate laufen auf ihm, was nicht funktioniert, läßt sich bequem mir calibre bearbeiten. Das gilt natürlich umgekehrt auch für den Kindle. Auch dort wirkt calibre Wunder. Der trekstor hat lediglich einen tft Bildschirm. Eine schnellere Ermüdung beim lesen konnte ich bislang jedoch nicht feststellen.
Ob aber auf Dauer die reader die Zukunft des Lesens sein werden, bleibt abzuwarten. Ich für meinen Teil finde es zu Anfang sehr spannend, glaube aber nicht, daß für mich das Ende der Bücherära begonnen hat!

Montag, 3. September 2012

Zufällige Veränderung

Wie der geneigte Leser festgestellt hat, hat sich der blog "designmäßig" verändert. Dieses Ergebnis ist zunächst zufällig entstanden, als ich in den Einstellungen "rumspielte" und nach längerem Suchen dann endlich weitere Veränderungsmöglichkeiten fand.
Ich bin der Ansicht, daß das neue "Design" jedenfalls die Lesbarkeit verbessert und werde es zunächst so lassen.
Es würde mich freuen, wenn es gefällt!

Freitag, 31. August 2012

Peter O. Chotjewitz--Saumlos

Peter O. Chotjewitz, so scheint es mir, ist ein Schriftsteller, der sich immer treu geblieben ist. Ein strammer Linker, seine Kritik immer am Nerv der BRD nach 1945. Das macht ihn so lesenswert, seine Unbeugsamkeit, sein Engagement.
Saumlos ist nun ein Roman der Mitte der 70er Jahre in der Provinz spielt. Ein Dorf, in dem nun wieder die Generation '33 bis '45 lebt. Wirklich? Die gesamte Generation? Schnell wird dem Erzähler klar: nein! Das Dorf hat zwischen '33 und '45 seine jüdischen Einwohner verloren. Genau beschreibt Chotjewitz anhand der Dorfchronik, wie das Dorf sich veränderte. Um die Jahrhundertwende und weiter waren die jüdischen Menschen Teil der Dorfgemeinschaft, Unterschiede waren nicht erkennbar. Umso mehr dann die Veränderung ab '33. Rasend schnell verlieren die Juden ihren Halt. Erschreckend, auch wenn man es vielleicht häufig schon gelesen hat, die Gleichgültigkeit und Anteillosigkeit der nichtjüdischen Dorfbewohner. Und immer wieder die Relativierung, was sollte man denn tun. Mitte der 70er Jahre war das Buch sicherlich hoch aktuell und politisch. Heute ab und an etwas antiquiert in der Sprache, aber in seiner Aussage heute noch eminent wichtig. Erinnern und nicht vergessen, an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte! So lange ist es noch nicht her. Peter O. Chotjewitz hat das in seinem schriftstellerischen Werk häufig getan. Und auch deshalb sollte sein Werk nicht in Vergessenheit geraten!

Sonntag, 19. August 2012

Sehr gute Fortsetzung!

So habe ich den neuen Roman des österreichischen Autorenduos Zach/Bauer bei amazon rezensiert.
Er ist außerordentlich gut gelungen. Die Ideen sind gut umgesetzt, der Spannungsbogen stimmt. Hier schreiben zwei absolute Profis, die ihr Genre beherrschen. Sehr eigenständig, schaffen sie spannende Bücher! dabei ist es letztendlich egal, ob man die Romane den historischen Romanen zuordnet oder eher zur Phantastik rechnet.

Man ist ja bei Fortsetzungen immer etwas skeptisch, ob es funktioniert oder nicht. So auch bei Morbus Dei: Inferno. Gelingt es den Autoren, die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen? Reichen die Ideen aus, auch noch ein zweites Buch zu tragen? Sind die Charaktere stark genug, um glaubhaft dem Leser zu begegnen?
Ja, Zach/Bauer ist das gelungen. Sie haben einen zweiten Band präsentiert, der alle diese Punkte erfüllt.
Der Leser ist schnell in der Geschichte, auch dann, wenn er die erste Geschichte um Johann List nicht kennt hat. Atmosphärisch sehr dicht beginnt dieses Buch, eine Eigenschaft, die schon beim ersten Buch, Morbus Dei: Die Ankunft, sehr positiv auffiel. Zach/Bauer erzählen sehr geschlossen und eindringlich. Im Winter spielend, ist die Kälte der Berge und in den Bergen spürbar. Die Strapazen der Menschen sind greifbar und gut dargestellt. Überhaupt sind Zach/Bauer stark in der Beschreibung von Atmosphäre. Erstaunlich auch an dieser Stelle, daß hier ein Autorenteam schreibt. Aus einem Guß geschrieben ist dieser Roman! Brüche im Stil sind nicht erkennbar. Es stellt sich schon die Frage, wie die beiden das so gut hinbekommen.
Aber egal, es soll ihr Geheimnis bleiben, für den Leser ist es positiv.
Positiv für die Entwicklung der Geschichte um Johann List ist auch der Ortswechsel. Aus den Hohen Bergen hinab geht es in die Stadt Wien. Ein Wechsel von der harten Realität der Berge mit ihren Gefahren für die Menschen, hin in die urbanen Welt einer Großstadt des 18. Jahrhunderts mit all ihren Gefahren.
Gut auch die Beziehungen der Personen zueinander. Zach/Bauer gelingt es, weitere Personen in die Geschichte zu integrieren. Nicht nur Johan List und seine Elisabeth beherrschen die Geschichte, sondern auch die Nebencharaktere passen dazu. Es ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild. Alles ist spannend und gut aufeinander aufgebaut. Die Schilderungen der Stadt Wien sind glaubhaft und angemessen.
So entsteht ein Roman, der gut die Balance hält. Er hält sie zwischen historischem Hintergrund und einer phantastischen Geschichte der “Anderen”. Und er schafft es dazu auch noch eine gewisse Ernsthaftigkeit beizubehalten. Es stellt sich durchaus die Frage, ob es eigentlich immer so sein muß, daß es immer wieder zur Verfolgung "anderer" kommen muß. Auch die Frage, wie leicht doch die Verführung durch Religion ist. Religion als zerstörerische Kraft in einer Zeit bestimmt durch Aberglaube und Inquisition. Zach/Bauer gelingt die Balance zwischen Unterhaltung und ernsthafter Reflexion. Aber auch ein kleiner Schimme Hoffnung.
Die Spannung auf den dritten Teil der Geschichte von Johann List bleibt!

Samstag, 7. Juli 2012

Michel Houllebecq--Karte und Gebiet

Michel Houellebecqs Karte und Gebiet hat mich als Roman sehr verblüfft. Bekannt von ihm waren mir bislang Elementarteilchen und Ausweitung der Kampfzone, zwei Romane, die man getrost als pornografisch bezeichnen kann. Allerdings auch immer mit einer pessismistischen Grundhaltung. Ich erinnere mich an die Darstellung eindimensionaler Menschen, entfremdet ohne Perspektive in einer düsteren Umwelt. Pornografie als Ventil, als Flucht.
Ganz anders Karte und Gebiet. Fast schon liebevoll schreibt hier Houellebecq. Er beschreibt das Leben des Künstlers Jed Martin, ja eigentlich..., zu viel soll nicht verraten werden, denn das Ende des Romans ist so nicht unbedingt absehbar. Jedenfalls schildert er dessen Aufstieg bis hin zum teuersten Künstler seinerzeit. Natürlich eine fiktive Person. Und er bedient sich eines literarischen Tricks, er läßt sich selbst in der Geschichte auftauchen. Houellebecq macht sich selbst zum Bestandteil seines eigenen Buches. Jed Martin lernt diesen Schriftsteller kennen und schenkt ihm, als Gegenleistung für ein Vorwort zu einem Bildband, ein Porträt, das preislich in schwindelerregenden Höhen sich befindet. Und dieses Porträt ist zugleich das Schicksal des Schriftstellers Houellebecq in dem Roman. Aber nicht nur das ist ein Handlungsstrang, sondern auch das Verhältnis von Jed Martin zu seinem Vater. Sein Vater ist schwer erkrankt, stirbt auch. Zwei Menschen, die sich fremd sind und, so las ich es, versuchen sich anzunähern. Auch Jed Martins Vater als Architekt, sehr erfolgreich, ist eigentlich Künstler, konnte diese Seite seiner Persönlichkeit allerdings nie in seinem Leben ausleben. Houellebecq gelingt eine schon fast zärtliche Schilderung dieser beiden Menschen, Vater und Sohn.
Das ist es überhaupt, was diesen Roman ausmacht: eine poetische, liebevolle Sprache entwickelt Houllebecq in seinem Roman. Ich war davon absolut verblüfft. Er kann das ohne Schwierigkeiten. Eine ganz andere Seite dieses Skandalautors. Eine leichte, niemals peinliche Sprache hat er hier für sich gewählt. Schon fast unglaublich, daß hier Houellebecq schreibt. Nicht dieser grobe Sprachberserker, sondern ein feinsinniger Beobachter.
Und somit ein wunderbares Buch von einem ganz großen europäischen Autor.
Und was sagt er selbst dazu:
"Man trifft die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, nie selbst,..., ein Buch sei wie ein Block aus Beton, der den Zeitpunkt des Abbindens selbst bestimme, und die Einwirkungsmöglichkeiten des Autors beschränken sich ihm zufolge darauf zu warten, dass der Prozess von selbst in Gang käme." (S. 244)
Dem ist nichts hinzuzufügen!

Donnerstag, 5. Juli 2012

Gasperlmaier--die 2te


Da ist er nun, der zweite Krimi mit dem Polizeiinspektor Gasperlmaier. Wieder siedelt Herbert Dutzler die Geschichte im idyllischen Landstrich am Aussee in der Steiermark an. Unser etwas trotteliger, immer etwas langsam von Verstand seiender Polizist Gasperlmaier trifft schon zu Anfang der Geschichte auf zwei Leichen. Beides sind Frauen und sie sind vom Loser, dem Wahrzeichen der Ausseeregion zu Tode gestürzt. So sieht es zunächst aus.
Jedoch steht es schnell fest: Mord. Und Frau Dr. Kohlross, die taffe Polizeibeamtin, auch eine vertraute Person aus dem ersten Krimi von Herbert Dutzler, Letzter Kirtag, übernimmt die Ermittlungen. Und unser gemütlicher Gasperlmaier im Schlepptau. Dieser Gasperlmaier, der eigentlich immer nur von einem einer gepflegten Jause und einem friedlichen Dienst träumt. Ihm, der schon bei dem Anblick der Leichen schlecht wird, passieren immer diese Dinge! Nur keine Hektik im beschaulichen Landstrich rund um den Aussee. Dort weit gefehlt, rasant entwickelt sich die Geschichte und der bemitleidenswerte Gasperlmaier mittendrin. Schnell merken die Protagonisten, dass die beiden Leichen irgendwie etwas miteinander zu tun haben. Und die Hatz nach dem Mörder beginnt. Ein gelungenes Tempo entwickelt der Roman. Beide, Frau Dr. Kohlross und Gasperlmaier, sind ständig in Bewegung und auf der Suche nach dem Mörder. Das es dann noch weitere Morde gibt, passt in die Geschichte. Passt nicht nur, sondern wird auch von Dutzler auch köstlich eingebaut. Dann, wenn Frau Dr. Kohlross in einem Anflug von Ärger Gasperlmaier fragt, ob sich denn jetzt die Ausseer gegenseitig ausrotten wollten. Es sind diese kleinen Anekdoten, die immer wieder eingeflochten, diesem Krimi so lesenswert machen. Und natürlich das Duo Gasperlmaier/Dr. Kohlross. Beinah ist man geneigt zu sagen, Intellekt stößt auf Unvermögen. Aber damit würde man der liebenswerten Figur des Gasperlmaiers Unrecht tun. Ein bauernschlauer, durchaus gewitzter Bursche ist er. Und, ohne etwas zu verraten, häufig mit seinen Ansichten, Gedanken und Meinungen nahe an der Aufklärung des Falles.
Was will der Leser mehr: erhält er doch einen rasanten und besonders von den Charakteren lebenden Krimi mit einer gehörigen, dazu passend, Portion Lokalkolorit.
Also: eine gelungene Fortsetzung der Gasperlmaierschen Tollpatschigkeit!

Samstag, 16. Juni 2012

Katharina Hacker-- Die Habenichtse

Wer diesen blog verfolgt, hat sicherlich schon festgestellt, daß Verrisse von Romanen selten bis gar nicht vorhanden sind. Ein gewisser Respekt vor der Leistung der einzelnen Autoren in Bezug auf ihr Werk läßt mich vorsichtig mit der jeweiligen Literatur umgehen. Ich stelle mir vor, daß es unendlich schwer ist, ein Buch zu schreiben, zuvor seine Gedanken zu ordnen, eine Idee, die noch in sich stimmig ist, zu entwickeln. Alles was darum rankt, läßt mich schon vorsichtig in meinem Urteil sein.
Das vorweg geschickt, muß ich sagen, daß Katharina Hacker, Die Habenichtse ein ziemlich belangloses Buch ist. Die Geschichte von Isabelle und Jakob; sie treffen sich am 21.09.2001 zufällig auf einer Party in Berlin wieder. Kurz gesagt, verliebt, verheiratet. Beide gehen nach London und entwickeln dort schnell, jeder für sich, wieder eigene Leben.
Seltsam blutleer ist das alles. Kurz nach den Anschlägen der 11. Septembers will Katharina Hacker irgendwie das Lebensgefühl der damals Mittdreißiger auffangen, erzählen. Es gelingt aber nicht, dahin plätschert eine Geschichte, die sich mir nicht erschlossen hat. Ist sie überhaupt eine? Tragend ist sie jedenfalls nicht. Die Charaktere bleiben starr und blass. Die Autorin versucht etwas zusammen zu bringen, was vor vornherein nicht paßt. Was das nun genau ist, wie gesagt, hat sich mir nicht erschlossen.
Und was nun bleibt, ist in gewisser Weise verlorene Zeit durch die Lektüre und die Frage, warum ist dieser Roman 2006 als bester deutschsprachiger Roman ausgezeichnet worden?

Mittwoch, 13. Juni 2012

Lothar Baier, Jahresfrist

Bei "Jahresfrist" handelt es sich um die einzige literarische Arbeit des Essayisten und Journalisten Lothar Baier. Sicherlich wird sich nun der eine oder andere die Frage stellen: Wer ist Lothar Baier? Hier: Lothar Baier findet der interessierte Leser weitere Informationen zu diesem, so scheint mir, relativ vergessenen Autor.
Das Vergessen erscheint allerdings auch zu Unrecht, ist doch diese Erzählung Jahresfrist ein literarisches Kleinod.
Ein Mann, ohne Namen, vielleicht Baier selbst (?) zieht sich zurück nach Südfrankreich, kauft dort ein baufälliges Haus und versucht dieses zu restaurieren , wiederaufzubauen. Allein auf sich gestellt, kein Handwerker, eher ein schreibender, lesender Intellektueller, läuft er Gefahr in einer zunächst lebensfeindlich scheinenden Umgebung an seiner selbstgestellten Aufgabe zu scheitern. Zu widrig sind vordergründig die Aufgaben, die vor ihm liegen. Aber ist das eigentlich der Kern der Erzählung? Ja und nein ist man geneigt zu sagen. Er liebt diese Herausforderung, gleichzeitig immer an seinem Limit mit der Gefahr zu scheitern. Und der Erzähler wäre nicht derjenige, der ist, käme nicht ein Bezug zu einer historischen Person  auf, die ihn immer wieder zurückbringt. Bei dieser historischen Person handelt es sich um Paul Nizan (hier weitere Informationen: Paul Nizan). Der namenlose Erzähler findet immer Parallelen zwischen seinem Leben und dem Leben Nizans. Natürlich ist schon längst klar, daß Baier selbst dieser Erzähler ist. Ein Mensch getrieben von der Suche nach Wahrheit und sich selbst. Beeindruckend der Versuch durch die Arbeit an dem Haus in absoluter Einsamkeit auf sich selbst geworfen, Sinn, Unsinn und Aussicht in seinem Leben zu finden. Worin liegt das alles? Niemanden sehen, mit niemandem kommunizieren. Einklang (?) mit der Natur. Und dennoch merkt er schnell, ganz ohne geht es nicht. Die Dorfbewohner lassen wissen, daß allzu viel Abgeschiedenheit Ursache von Gerede und  Gerüchten sein kann. Zaghafte Kontakte entstehen. Und so arbeitet dieser Einsiedler vor sich hin, getrieben von einer Suche von der er selbst nicht weiß, wohin sie ihn führen wird. Schlussendlich geht fast in einem fast biblischen Unwetter sein Haus und seine Existenz unter. Baier beschreibt diese Szene fast schon als Katharsis. Danach bleibt, schon zwangsläufig, nur noch die Abkehr von diesem Haus, diesem Ort und Rückkehr in sein anderes Leben.
1985 hat Baier diese Erzählung veröffentlicht. 2004 hat er sich das Leben genommen. Allein diese Erzählung zeigt, daß es sich bei ihm um einen großen im Literaturzirkel gehandelt hat.
Selten habe ich eine so eindrückliche, direkte Sprache gelesen. Die Landschaft, die Baier beschreibt, lebt! Die Verzweiflung an sich selbst, an seiner Umgebung, seiner Situation nimmt man dem Erzähler ab. Was will der Leser einer solchen Erzählung eigentlich noch weiter erwarten. Mir bleibt nur das Bedauern, daß es sich bei Jahresfrist um die einzige Prosaarbeit handelt. Gerne hätte ich insofern mehr von Lothar Baier gelesen.
Die große Ketzerei, als Sachtext, steht schon im Regal.
Und ein weiteres hat diese Erzählung verursacht: Interesse an der Person Paul Nizan und seinem Werk!

Samstag, 5. Mai 2012

Maarten `t Hart--Die Netzflickerin

Maarten `t Hart, Die Netzflickerin ist mittlerweile der dritten Roman des niederländischen Schriftstellers, den ich gelesen habe. Auch gebe ich gerne zu, daß ich im allgemeinen sehr viel von niederländischen Schriftstellern halte. Jerome Brouwers, Cees Nooteboom, Margriet de Moor und der schon fast alles überragende Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden, sie alle sind große Erzähler.
Die Netzflickerin nun reiht sich in diese Art des Erzählens ein.
Simon Minderhouts Lebensgeschichte erzählt Hart in diesem Roman, von der Geburt bis ins hohe Alter verfolgt der Leser den traurigen Helden, ja ist er ein Held oder ein Verräter, letztendlich bleibt das offen. Es soll Widerstandskämpfer an die Nazis verraten haben. Dabei ist auch Thema die Zeit der deutschen Besatzung in den Niederlanden während der Nazizeit. Aber auch Thema ist, wie ein Mensch, durch sein Verhalten, irgendwann zufälligerweise in  den Focus der Öffentlichkeit geraten kann. Interessant wird dargestellt, wie unterschiedlich menschliches Handeln von anderen aufgenommen, gedeutet und wiederum dargestellt werden kann. Simon Minderhout, dessen Geburt schon ex post betrachtet, seltsam anmutete, befindet sich dann, im hohen Alter in einem Gewirr von Halbwahrheiten, Anschudigungen und Verdächtigungen. Dem gegenüber steht sein Hilflosigkeit, damit umzugehen und dagegen anzugehen. Als Verräter in der Nazizeit beschuldigt, flieht er ausgerechnet zu seinem besten Freund, der Jude ist. Sein ganzes Leben gerät aus den Fugen und auch ein Besuch bei der Frau, die in den 1940er Jahren den Stein ins Rollen brachte, bringt keine Entlastung, ja keine Klärung des Verrats. Was bleibt ist ein alter Mann, der überrollt wurde von Ereignissen in seinem Leben, denen er eventuell auch nicht so viel Bedeutung beigemessen hatte. Für mich war er nicht der Verräter. Aber, wie gesagt im Prinzip bleibt es offen. Auch eine Geschichte darüber, wie schwer es ist, seine Darstellung und Wahrnehmung bei festgefahrenen Meinungen durchzusetzen. Im Prinzip kann Minderhout das überhaupt nicht und er unternimmt insoweit auch nur halbherzige Versuche. Warum auch, aus seiner Sicht hat er ja die Erkenntnis darüber, was richtig und falsch ist.
Und so bleibt ein beeindruckendes Buch, eine eindrückliche Geschichte, ebenso erzählt.

Samstag, 28. April 2012

Thomas Glavinic--Die Arbeit der Nacht

Jonas wacht morgens auf. Zunächst scheint nichts anders zu sein als sonst. Der Weg zur Bushaltestelle, das Warten auf den Bus. Alles erscheint normal, bis Jonas feststellt, kein Mensch auf der Straße, kein Bus, der fährt, ebenso keine Autos in Sicht. Wien, der Ort, der bisherigen Handlung, ist leer, bis auf Jonas. Jonas geht nach Hause und stellt schnell fest, daß er der einzige Mensch ist. Irgendwie übrig geblieben, er weiß nicht warum. Was geschah über Nacht? Geschah überhaupt etwas oder sind wir, der Leser in eine Traumwelt geraten?
Glavinic läßt nun seinen Protagonisten tagelang durch ein leeres Wien laufen. Allein auf sich bezogen, versucht Jonas sein Leben zu gestalten. Natürlich ist jetzt dieses Leben geprägt durch den Verlust. Verlust seiner Freundin Marie, die in England weilte und nicht mehr zu erreichen ist. Wie es jemanden in dieser Situation geht, wollen wir uns das überhaupt vorstellen? Trotzdem verfolgt man als Leser diese Geschichte fast schon atemlos. Jonas Hatz durch Wien und auch der Kampf von ihm mit sich selbst. Beinah schon ein Kampf gegen das sich verlieren, ja schon der Kampf gegen ein Wahnsinnigwerden. Jonas stellt irgendwann Kameras auf, um zu sehen, ob nicht doch noch andere Menschen existieren. Nur nicht allein sein, was er jedoch de facto ist. Und so zeichnet er sich selbst im Schlaf auf, um dann später sich die Bilder des "Schläfers" anzuschauen. Alles Handlungen gegen die Einsamkeit, gegen das nur mit sich sein! Und so erzeugt dieser Roman einen Sog, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Man sollt doch meinen, das die Beobachtung einer einzelnen Person, ohne Bezug zu anderen Personen auf ca. 400 Seiten beschrieben, irgendwann langweilig werden muß. Nein, Glavinic schafft es, den Leser nicht zu langweiligen. Jede Seite birgt neues, spannendes.
Kann ein Mensch so leben? Jonas kommt dann die Idee sich nach England aufzumachen, um dort nach seiner Freundin zu suchen. Natürlich findet er sie nicht, sondern nur ihren Koffer mit Kleidungsstücken. Das ist für ihn natürlich sehr wichtig, auch der Geruch der Kleidung ist eine Erinnerung an einen geliebten Menschen. Und so endet das Buch dann auch. Keine Veränderung, keine Erklärung des Geschehenen. Das wollte Thomas Glavinic wohl auch nicht. Dargestellt werden sollte die Einsamkeit eines jeden Menschens, wir sind alle  allein, egal, ob Menschen um uns sind oder nicht. Jeder Mensch tief in sich und daran läßt sich nichts ändern. Und so endet dieser Roman dann auch folgerichtig ohne happy-end. Jonas ist allein!